Im EU-Ausland zu studieren ist heute schon fast so einfach wie im Inland; ein geeintes Europa würde vor allem die Hürden danach abbauen.
Gemeint sind die Anerkennung von Abschlüssen und der Berufsstart in einem anderen Land. Für das Studium selbst ist Europa schon fast ein Land, für das Arbeitsleben danach noch nicht.
Was heute schon geht
2023 studierten 137.200 Deutsche an einer ausländischen Hochschule. Die meisten zog es in die Nachbarschaft: 40.700 nach Österreich, 21.100 in die Niederlande, 12.600 in die Schweiz. Großbritannien folgte mit 8.400, ein Rückgang um 13 % in einem Jahr.
Innerhalb der EU sind die Bedingungen gut. Eine Hochschule darf von Studierenden aus anderen EU-Staaten keine höheren Gebühren verlangen als von Einheimischen; das hat der Europäische Gerichtshof 1985 entschieden. BAföG gibt es in der EU und der Schweiz für ein komplettes Studium bis zum Abschluss, außerhalb von EU und Schweiz in der Regel nur für ein Jahr.
Wer nur ein oder zwei Semester ins Ausland will, geht mit Erasmus+. Studierende aus Deutschland bekommen je nach Gastland 540 oder 600 Euro im Monat, Studiengebühren an der Partnerhochschule fallen nicht an. Über den Programmaufruf von 2022 gingen 37.455 Studierende zum Studium und 7.370 für ein Praktikum ins Ausland, die meisten nach Spanien, Frankreich und Italien. In die andere Richtung ist Deutschland selbst ein Magnet: Im Wintersemester 2024/25 studierten hier rund 402.000 internationale Studierende, jeder siebte Studierende.
Wo Europa noch an der Grenze endet
Nach dem Abschluss wird es kleinteilig. Automatisch anerkannt werden Abschlüsse nur in sieben Berufen: Ärzte, Zahnärzte, Apotheker, Tierärzte, Pflegekräfte, Hebammen und Architekten. Lehrkräfte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten und viele andere müssen ein nationales Verfahren durchlaufen. Selbst für ein Masterstudium in einem anderen Land ist die Anerkennung des Bachelors nicht garantiert; die EU empfiehlt seit 2018 eine automatische Anerkennung, verpflichtet aber niemanden dazu.
Die zweite Grenze ist der Arbeitsmarkt. Junge Menschen finden in Deutschland vergleichsweise leicht Arbeit: Bei den unter 25-Jährigen lag die Arbeitslosenquote im August 2026 bei 7,4 %, im EU-Schnitt bei 15,4 %. Wer aber etwas Eigenes gründen will, findet in Europa wenig Wachstumskapital. Laut Draghi-Bericht entfallen auf die EU nur 5 % des weltweit eingesammelten Wagniskapitals, auf die USA 52 %. Von den Firmen, die zwischen 2008 und 2021 in Europa gegründet wurden und eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar erreichten, verlegten knapp 30 % ihren Sitz ins Ausland, die meisten in die USA.
Was ein geeintes Europa ändern würde
Es würde zu Ende bringen, was Erasmus begonnen hat: Abschlüsse, die überall ohne Verfahren gelten, ein Arbeitsmarkt, auf dem ein Job in Lyon so einfach anzutreten ist wie einer in Leipzig, und ein Kapitalmarkt, auf dem eine Gründung aus Aachen ihre zweite Finanzierungsrunde nicht in Kalifornien suchen muss. Was dafür fehlt, steht in Was ist die Kapitalmarktunion?
Das hat einen Preis. Ein offenerer Arbeitsmarkt bedeutet auch mehr Bewerber aus Lissabon, Warschau und Mailand für dieselben Stellen in München. Diesen Wettbewerb gibt es durch die Freizügigkeit allerdings schon heute, und er gilt in beide Richtungen.
Den Jahrgang, der jetzt zu studieren beginnt, betrifft auch die Sicherheitspolitik direkt. Junge Männer ab dem Jahrgang 2008 müssen seit 2026 einen Fragebogen der Bundeswehr beantworten, ab Juli 2027 folgt die Musterung, der Dienst bleibt freiwillig; Einzelheiten in Kommt die Wehrpflicht zurück? Wie sicher, wie wohlhabend und wie offen Europa in den nächsten zwanzig Jahren wird, entscheidet sich in genau den Jahren, in denen diese Generation ins Berufsleben startet.