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Könnte sich Europa ohne die USA verteidigen?

An Ressourcen fehlt es nicht – Europa ist Russland an Geld, Menschen und Soldaten überlegen. Das Problem sind rund dreißig Armeen ohne gemeinsame Führung.

Das ist die kurze Antwort. Die längere dauert fünf Minuten und lohnt sich, weil kaum eine Frage Europas Zukunft direkter betrifft.

Was Europa hat

Zuerst das Zählbare. Die Europäische Union hat 450 Millionen Einwohner, Russland 144 Millionen. Die europäische Wirtschaft ist grob zehnmal so groß wie die russische. Die europäischen NATO-Staaten gaben 2025 zusammen über 574 Milliarden Dollar für Verteidigung aus – ein Fünftel mehr als im Jahr davor – und stellen rund 1,9 Millionen aktive Soldaten, mehr als Russland.

Wäre militärische Stärke die Summe von Tabellenspalten, wäre diese Seite überflüssig.

Woran es wirklich hakt

Stärke ist keine Summe. Russland hat eine Armee mit einem Kommando. Europa unterhält rund dreißig Armeen mit eigenen Generalstäben, eigener Beschaffung und eigenen Parlamenten, die über jeden Einsatz einzeln entscheiden.

Die Münchner Sicherheitskonferenz zählte vor einigen Jahren etwa 178 verschiedene Waffensysteme in europäischen Streitkräften – die USA kommen mit 30 aus. Allein an Kampfpanzer-Typen leistet sich Europa 17, die US Army einen. Jeder Typ bedeutet eigene Ersatzteile, eigene Munition, eigene Ausbildung: Geld, das in Doppelstrukturen versickert, statt Stärke zu kaufen.

Dazu kommen Fähigkeiten, die Europa schlicht fehlen, weil Amerika sie jahrzehntelang mitlieferte: Satellitenaufklärung, Luftbetankung, strategischer Transport, das Ausschalten gegnerischer Luftabwehr – und der Nuklearschirm. Frankreichs und Großbritanniens zusammen etwa 515 Sprengköpfe sind eine Abschreckung, aber kein Ersatz für das amerikanische Arsenal.

Die Rechnung

Das Brüsseler Institut Bruegel und das Kiel Institut haben durchgerechnet, was eine Verteidigung Europas ohne amerikanische Beteiligung verlangen würde: rund 300.000 zusätzliche Soldaten – etwa 50 neue Brigaden – und Mehrausgaben von mindestens 250 Milliarden Euro pro Jahr, also etwa 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Nicht weil Europa arm wäre. Sondern weil es für seine Zersplitterung bezahlt.

Die deutsche Rolle

Für Deutschland ist das keine akademische Frage. Es ist die größte Volkswirtschaft des Kontinents, im Verteidigungsfall die logistische Drehscheibe der NATO – und nach Jahren des Sparens mitten im Umbau: 2026 stehen rund 108 Milliarden Euro im Etat, so viel wie nie, und die Bundeswehr zählt mit etwa 186.000 Soldaten wieder ihren höchsten Stand seit zwölf Jahren. Zugleich ist das 100-Milliarden-Sondervermögen fast verplant; ab jetzt muss der reguläre Haushalt tragen, was die Zeitenwende versprochen hat.

Das heißt: Ob Europa sich ohne die USA verteidigen könnte, entscheidet sich zu einem erheblichen Teil in Berlin.

Das Urteil

Die ehrliche Antwort lautet: heute mit Mühe. Einen kurzen, schnellen Krieg um das Baltikum würde das heutige Europa ohne Amerika riskant führen – es fehlen Führung, Logistik und Schlüsselfähigkeiten. Einen langen Krieg gegen eine zehnmal größere Wirtschaft könnte Russland umgekehrt nicht durchstehen.

Anders gesagt: Europa ist nicht schwach. Europa ist unsortiert. Der Unterschied ist entscheidend, denn Schwäche heilt man langsam und teuer – Unsortiertheit ist eine Entscheidung, die sich ändern lässt. Rund dreißig Armeen, 17 Panzertypen, kein gemeinsames Kommando: Niemand hat das so entworfen, es ist nur so geblieben. Ein Kontinent, der als Ganzes handelt, müsste die Frage dieser Seite gar nicht stellen – so wenig, wie sie heute jemand über Amerika stellt.

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Häufige Fragen

Wie viele Soldaten hat Europa?

Die europäischen NATO-Staaten zusammen rund 1,9 Millionen aktive Soldaten, Russland etwa 1,3 Millionen. Der Unterschied: Russlands Soldaten dienen einer Armee, Europas rund dreißig.

Was würde eine Verteidigung ohne die USA kosten?

Nach Berechnungen von Bruegel und dem Kiel Institut etwa 250 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr – rund 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung – sowie etwa 300.000 zusätzliche Soldaten.

Was liefern die USA, das Europa fehlt?

Satellitenaufklärung, Luftbetankung, strategischen Lufttransport, die Niederhaltung gegnerischer Luftabwehr – und den größten Teil des Nuklearschirms. Ohne diese Fähigkeiten sieht eine moderne Armee schlecht und bewegt sich langsam.

Hat Europa eigene Atomwaffen?

Ja: Frankreich hält rund 290 Sprengköpfe, Großbritannien etwa 225. Seit Februar 2026 sprechen Berlin und Paris erstmals offiziell über eine europäische nukleare Abschreckung.

Welche Rolle spielt Deutschland dabei?

Die zentrale: größte Volkswirtschaft, logistische Drehscheibe der NATO und 2026 ein Rekordetat von rund 108 Milliarden Euro. Ohne den deutschen Aufwuchs gibt es keine europäische Verteidigung.

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