Was passiert, wenn Russland die NATO angreift?
Artikel 5 griffe: Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. Entscheidend wäre nicht das Ob, sondern wie schnell und geschlossen Europa antwortet.
Vorweg zur Beruhigung: Nichts deutet darauf hin, dass es bevorsteht. Aber es ist die Frage, nach der alle Generalstäbe Europas planen – gehen wir sie also ernsthaft durch.
Wie ein Angriff aussähe
Vergessen Sie Panzerkolonnen Richtung Berlin. Für die Eroberung Europas fehlen Russland die Kräfte, und seine Generäle wissen das. Die Szenarien, mit denen westliche Planer arbeiten, sehen anders aus: ein begrenzter, schneller Zugriff am Rand des Bündnisses – am häufigsten wird das Baltikum genannt –, vorbereitet durch Monate hybrider Zermürbung: Sabotage, Drohnen über Flughäfen, durchtrennte Kabel, Desinformationskampagnen.
Das Ziel wäre nicht territorial, sondern politisch: vorführen, dass Artikel 5 nur Papier ist. Würde das Bündnis auf die Besetzung eines Stücks Estland mit Zaudern und Gipfeltreffen statt mit Soldaten antworten, hätte die NATO an diesem Tag faktisch aufgehört zu existieren – und mit ihr die Sicherheitsgarantie, unter der Deutschland seit Gründung der Bundesrepublik lebt.
Der erste Tag
Der angegriffene Staat riefe das Bündnis an. Zu Artikel 5 gehört eine ehrliche Fußnote: Er ist kein Automat. Er verpflichtet jeden Verbündeten zu den Maßnahmen, „die er für erforderlich hält“. Seine Kraft liegt in der Glaubwürdigkeit – darin, dass am Ergebnis vorab kein Zweifel besteht.
Militärisch gehörten die ersten Tage den schnellen Eingreifkräften und der Luftwaffe; an der Ostflanke stehen dafür schon heute multinationale Verbände bereit, darunter die deutsche Brigade in Litauen.
Deutschlands Aufgabe: die Drehscheibe
Für Deutschland haben die Planer eine besondere Rolle vorgesehen, und sie steht im Operationsplan Deutschland: Drehscheibe. Fast alles, was die NATO an die Ostflanke bringt – Truppen, Munition, Treibstoff –, liefe über deutsche Häfen, Schienen und Autobahnen. Deutschland zu verteidigen hieße in diesem Krieg zuallererst: Brücken, Bahnknoten und Netze am Laufen halten, gegen Sabotage von innen wie von außen. Das ist keine Nebenrolle. Ohne funktionierende Drehscheibe kein Nachschub, ohne Nachschub keine Verteidigung des Baltikums.
Warum Russland den langen Krieg verliert
Die europäische Wirtschaft ist grob zehnmal größer als die russische. Europa hat mehr Soldaten, ein Vielfaches an Flugzeugen und Schiffen und eine Industrie, die – endlich – auch beim Rüsten anläuft. Russland hat eine kampferprobte Armee und eine gewaltige Drohnen- und Munitionsproduktion, aber vier Kriegsjahre haben es über eine Million Soldaten gekostet.
Deshalb rechnen alle realistischen Szenarien mit dem kurzen Schlag, nicht mit dem langen Feldzug. Russland setzte nicht auf Stärke, sondern auf Zeit – darauf, dass Europas Antwort in den Hauptstädten steckenbleibt.
Woran alles hängt
An Einigkeit und Tempo. Das ist keine Floskel, sondern eine militärische Größe: Der Unterschied zwischen einer Antwort in Stunden und in Wochen ist der Unterschied zwischen Zwischenfall und Krieg. Und genau deshalb zielt der russische Aufwand – Drohungen, Desinformation, Unterstützung der Ränder – auf Europas Zusammenhalt, nicht auf Europas Waffen. Was passiert, wenn Russland angreift, entscheidet sich also jetzt: Ein Kontinent, der als Ganzes handelt, macht aus dem Angriff einen Selbstmord – und Selbstmordkriege beginnt niemand.
Häufige Fragen
Was ist Artikel 5 des NATO-Vertrags?
Die Zusage, dass ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle gilt. Jeder Verbündete ergreift dann die Maßnahmen, „die er für erforderlich hält“ – einschließlich Waffengewalt.
Wurde Artikel 5 je ausgerufen?
Einmal, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – zugunsten der USA. In Europa noch nie; seine Hauptarbeit leistet der Artikel als Abschreckung, damit er nie gebraucht wird.
Was würde Deutschland konkret tun?
Kämpfen – und tragen: Deutschland stellt die Brigade in Litauen, schickt Kräfte an die Ostflanke und ist als Drehscheibe der Nachschubraum der NATO. Über deutsche Häfen, Schienen und Straßen liefe der Aufmarsch.
Würde Russland Atomwaffen einsetzen?
Es droht regelmäßig damit, weil Drohungen billig sind. Ein Einsatz brächte Moskau mehr Schaden als Nutzen – auch wegen der französischen, britischen und amerikanischen Abschreckung. Ausschließen kann man es nicht, wahrscheinlich ist es nicht.
Wie lange würde so ein Krieg dauern?
Niemand weiß es; die Szenarien reichen von Tagen bis Jahren. Sicher ist nur: Je schneller und geschlossener Europa antwortet, desto kürzer und kleiner der Konflikt – und desto eher beginnt er gar nicht.