Die Kapitalmarktunion soll die 27 getrennten Kapitalmärkte der EU zu einem verbinden, damit europäische Ersparnisse leichter zu europäischen Unternehmen finden.
Sie betrifft Sparer ebenso wie Firmen: wie Haushalte ihr Geld anlegen und warum ein Unternehmen wie BioNTech aus Mainz an der Börse in New York notiert ist.
Wo das deutsche Geld liegt
Deutsche Haushalte besaßen Mitte 2026 nach Angaben der Bundesbank ein Geldvermögen von 9,83 Billionen Euro. Gut ein Drittel davon, 3,58 Billionen, lag als Bargeld oder auf Konten. Etwa ebenso viel steckte in Aktien und Fonds, gut ein Viertel in Versicherungen und Pensionsansprüchen.
Im Euroraum ist das Muster ähnlich: Haushalte halten nach einer Auswertung der Europäischen Zentralbank rund ein Drittel ihres Finanzvermögens als Bankeinlagen. In den USA sind es 11 %. Die Haushalte der EU legten 2022 laut Draghi-Bericht 1.390 Milliarden Euro zurück, die amerikanischen 840 Milliarden. Amerikaner sparen also nicht mehr, sie legen anders an.
Warum das Geld nicht arbeitet
Wer in Europa Geld anlegen will, trifft auf 27 nationale Märkte mit eigenen Regeln für Fonds, Börsen, Steuern und Aufsicht. Für Anleger heißt das viel Aufwand jenseits der eigenen Grenze. Unternehmen wiederum finden große Summen am ehesten dort, wo ein Markt tief genug ist, und das ist meist New York.
Der Draghi-Bericht beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf der EU auf 750 bis 800 Milliarden Euro im Jahr. Auf die EU entfallen nur 5 % des weltweit eingesammelten Wagniskapitals, auf die USA 52 %. Von 147 Start-ups, die zwischen 2008 und 2021 in Europa gegründet wurden und eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar erreichten, verlegten 40 ihren Sitz ins Ausland, die meisten in die USA.
Bundeskanzler Friedrich Merz brachte es im Oktober 2025 im Bundestag auf den Punkt: „Wir brauchen eine Art European Stock Exchange, damit erfolgreiche Unternehmen, wie zum Beispiel BioNTech aus Deutschland, nicht an die New Yorker Börse gehen müssen.“
Was die Kapitalmarktunion ändern soll
Einheitlichere Regeln für Börsen und Fonds, eine gemeinsame Aufsicht über die großen Marktteilnehmer, einfache Anlageprodukte, die überall gleich funktionieren. Die EU-Kommission arbeitet seit 2015 daran und führt das Projekt seit März 2025 unter dem Namen Spar- und Investitionsunion weiter.
Im September 2025 empfahl die Kommission den Mitgliedstaaten einfache, steuerlich begünstigte Spar- und Anlagekonten. Im Dezember 2025 schlug sie vor, dass die europäische Wertpapieraufsicht ESMA bedeutende Börsen, Clearinghäuser und Kryptoanbieter direkt beaufsichtigt. Der Rat hat dazu im Oktober 2026 seine Position vorbereitet, eine Einigung mit dem Parlament ist bis Ende 2026 angestrebt. Deutschland und sechs weitere Staaten haben 2025 das Label „Finance Europe“ für Sparprodukte geschaffen, die mindestens 70 % in der EU anlegen.
Was sie nicht ist
Die Kapitalmarktunion ist kein Schritt zu gemeinsamen Schulden. Sie betrifft privates Geld und die Regeln, nach denen es angelegt wird; für Verbindlichkeiten anderer Staaten haftet Deutschland nach dem Koalitionsvertrag weiterhin nicht. Wer Eurobonds ablehnt, kann die Kapitalmarktunion trotzdem wollen.
Der Widerstand kommt aus einer anderen Richtung. Jede Hauptstadt hat ihre Börse, ihre Aufsicht und ihre Steuerregeln, und keine gibt sie gern ab. Deshalb dauert das Projekt schon über zehn Jahre.
Was Deutschland selbst tut
Ab 2027 gibt es das Altersvorsorgedepot, eine staatlich geförderte Altersvorsorge mit Anlage in Fonds. Am 16. Oktober 2026 beschloss der Bundestag die Frühstart-Rente: 10 Euro im Monat für jedes Kind zwischen 6 und 18 Jahren, breit gestreut in Aktien angelegt; der Bundesrat muss noch zustimmen.
Das sind nationale Schritte. Wie viel sie bringen, hängt davon ab, ob das Geld später in einen europäischen Markt fließt, der groß genug ist, um europäische Unternehmen zu finanzieren. Ziel ist, dass man von Hamburg aus so einfach in eine Firma in Lissabon investieren kann wie in eine in Kalifornien. Wie sehr gerade die KI daran hängt, zeigt Warum hat Europa keine eigene KI?