Wirtschaftlich schlecht: Je nach Studie liegt Großbritanniens Wirtschaftsleistung heute 2 bis 8 % unter dem Niveau, das sie in der EU hätte.
Am stärksten getroffen sind Handel und Investitionen. Großbritannien ist bisher der einzige Mitgliedstaat, der die EU verlassen hat, und zehn Jahre nach dem Referendum liegen genug Daten vor.
Was 2016 entschieden wurde
Am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 % der Wählerinnen und Wähler für den Austritt, bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 %. Ende Januar 2020 verließ das Land die EU, seit Anfang 2021 regelt ein Handels- und Kooperationsabkommen die Beziehungen. Waren gehen seitdem zollfrei über die Grenze, aber mit Zollerklärungen, Ursprungsnachweisen und Kontrollen. Versprochen hatten die Befürworter vor allem, die Kontrolle zurückzuholen: über Geld, Gesetze und Grenzen.
Was es die Wirtschaft kostet
Niemand kann das Großbritannien beobachten, das geblieben wäre. Jede Schätzung muss es deshalb nachbauen.
- Die britische Haushaltsbehörde OBR geht davon aus, dass die Produktivität langfristig um 4 % niedriger liegt und Exporte wie Importe um rund 15 %. Sie hält an dieser Annahme auch in ihren Prognosen von 2026 fest.
- Eine Studie für das US-Forschungsnetzwerk NBER stellt Großbritannien einer rechnerischen Gruppe ähnlicher Länder gegenüber. Ergebnis: Ende 2025 lag das BIP 6 bis 8 % unter dem Wert ohne Brexit, die Investitionen 12 bis 13 %, Beschäftigung und Produktivität je 3 bis 4 %.
- Ökonomen von Goldman Sachs kamen im Juni 2026 laut Presseberichten auf rund 6 %, je nach Vergleichsgruppe 4 bis 8 %.
- Das Forschungsinstitut NIESR schätzte den Verlust bis 2023 auf 2 bis 3 % und erwartet bis 2035 5 bis 6 %.
Über die Größe wird gestritten. Kritiker wie der Ökonom Julian Jessop wenden ein, dass in der Vergleichsgruppe der NBER-Studie die schnell wachsenden USA ein großes Gewicht haben, was die Lücke vergrößert. Das spricht für einen kleineren Verlust. Einen Gewinn findet keine der Studien.
Wen der Verlust trifft, zeigen die Handelsdaten. Forschende der London School of Economics fanden, dass die Warenexporte 2022 um 6,4 % niedriger lagen als ohne Brexit, die Exporte in die EU um 13,2 %. Rund 16.400 Firmen, 14 % der früheren EU-Exporteure, verkauften dort nichts mehr. Bei den kleinsten Exporteuren brachen die EU-Verkäufe um 30 % ein. Zollformulare und Ursprungsnachweise kosten jeden Betrieb ungefähr gleich viel, ob er viel exportiert oder wenig. Das trifft die Kleinen am härtesten.
Grenzen und Zuwanderung
Die Freizügigkeit für EU-Bürger endete Anfang 2021. Die Zuwanderung sank zunächst trotzdem nicht. Laut dem Statistikamt ONS erreichte die Nettozuwanderung im Jahr bis März 2023 einen Höchststand von 944.000 Menschen, getragen von Zuwanderern von außerhalb der EU. 2025 lag sie nach vorläufigen Zahlen bei 171.000: Von außerhalb der EU kamen netto 350.000, aus der EU zogen 42.000 Menschen mehr weg als zu, und 136.000 Briten mehr wanderten aus als zurück.
Das Land bestimmt seine Einwanderungsregeln heute selbst. Verändert hat sich bisher vor allem, woher die Menschen kommen.
Was die Briten heute denken
Im Juni 2026 hielten in einer YouGov-Umfrage 57 % den Austritt für falsch und 30 % für richtig, 61 % sahen ihn eher als Misserfolg. Im September 2026 sprachen sich 59 % für einen Wiedereintritt aus, 32 % dagegen. Die Zustimmung sinkt allerdings, sobald der Preis genannt wird: Müsste Großbritannien die Sonderregeln aufgeben, die es als Mitglied hatte, etwa beim Euro und bei Schengen, wären nur 35 % dafür und 43 % dagegen.
Der Weg zurück, Stück für Stück
Seit 2024 bewegt sich London wieder auf die EU zu. Beim Gipfel im Mai 2025 vereinbarten beide Seiten eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft und Verhandlungen über gemeinsame Regeln für Lebensmittel und Tiergesundheit, über die Verknüpfung ihrer Emissionshandelssysteme und über ein Programm für Jugendmobilität. Über eine britische Beteiligung an den europäischen SAFE-Rüstungskrediten kam 2025 keine Einigung zustande.
Großbritannien handelt also wieder Teile dessen aus, was es als Mitglied schon hatte, diesmal von außen und ohne Stimme bei den Regeln.
Was das für Deutschland bedeutet
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat 2024 die britischen Erfahrungen auf Deutschland übertragen. Nach fünf Jahren außerhalb der EU läge die deutsche Wirtschaftsleistung demnach um 5,6 % niedriger; über die fünf Jahre summierte sich der Verlust auf rund 690 Milliarden Euro, und etwa 2,5 Millionen Arbeitsplätze fielen weg. Das IW vergleicht diesen Verlust mit den Folgen von Corona- und Energiekrise zusammen. Hinzu käme, was Großbritannien erspart blieb: Es musste beim Austritt keine eigene Währung neu schaffen. Die ganze Rechnung steht in Was würde ein EU-Austritt Deutschland kosten?
Der Brexit zeigt, dass der Austritt rechtlich möglich ist. Er zeigt auch, wer ihn bezahlt: vor allem Exporteure und kleine Betriebe. Und er zeigt, wie mühsam es ist, Zusammenarbeit Stück für Stück von außen zurückzuverhandeln.