Gehälter USA vs. Deutschland: der ehrliche Vergleich
Amerikanische Gehälter liegen brutto etwa ein Drittel über deutschen. Ehrlich wird der Vergleich erst mit Krankenversicherung, Arbeitsstunden und Urlaub in der Rechnung.
Beide Lager erzählen sich gern die halbe Geschichte – hier ist die ganze, mit Zahlen.
Die nackten Zahlen
Nach OECD-Rechnung verdient ein durchschnittlicher amerikanischer Beschäftigter rund 80 000 Dollar im Jahr; der deutsche Durchschnitt liegt kaufkraftbereinigt gut ein Drittel darunter. In Spitzenbranchen ist der Abstand drastischer: Ein Software-Entwickler im Silicon Valley verdient oft das Doppelte bis Dreifache seines Münchner Kollegen.
Das ist real, und es wäre unehrlich, es kleinzureden. Nur: Brutto ist nicht bezahlt.
Was vom Brutto übrig bleibt
In Deutschland nimmt der Staat viel und gibt dafür viel zurück – Krankenversicherung, Rente, Absicherung sind im Abzug schon enthalten. Der deutsche Abgabenkeil gehört zu den höchsten der OECD; auch das gehört zur Ehrlichkeit.
In Amerika kommt der große Abzug nach der Gehaltsabrechnung. Eine Familien-Krankenversicherung über den Arbeitgeber kostet inzwischen mehr als 25 000 Dollar im Jahr, mit wachsendem Eigenanteil und Selbstbehalten von mehreren tausend Dollar, bevor die Versicherung überhaupt zahlt. Rund 41 Prozent der amerikanischen Erwachsenen tragen Schulden aus Behandlungskosten. Dazu kommen Kita-Preise auf Studiengebühren-Niveau und Studienkredite, die Jahrzehnte laufen.
Die Stundenrechnung
Amerikaner arbeiten etwa 1 800 Stunden im Jahr. Deutsche rund 1 340 – der niedrigste Wert der gesamten OECD. Ein Drittel mehr Lohn für ein Drittel mehr Stunden ist, pro Stunde gerechnet, kein Wunder mehr, sondern Arithmetik. Dazu kommt der Urlaub: null gesetzliche Tage dort, vier gesetzliche Wochen (und üblich sechs) hier.
Man kann diesen Tausch – Zeit gegen Geld – bewusst anders wollen. Man sollte nur wissen, dass es ein Tausch ist.
Warum die Lücke trotzdem real ist
Wäre alles nur Stunden-Arithmetik, gäbe es nichts zu lösen. Aber ein Teil des Vorsprungs ist echt: mehr Produktivität, mehr Kapital und billigere Energie je Arbeitsplatz, und vor allem ein Heimatmarkt, auf dem aus guten Firmen schnell Weltkonzerne werden, die Spitzenlöhne zahlen. Das sind Maßstabsvorteile eines Kontinents, der als Ganzes wirtschaftet – und genau der Teil der Lücke, den Europa schließen könnte, wenn es dasselbe täte.
Häufige Fragen
Wie viel verdient man in den USA im Schnitt?
Nach OECD-Daten liegt der Durchschnittslohn bei rund 80 000 Dollar im Jahr – brutto etwa ein Drittel über dem deutschen Niveau, bei allerdings deutlich mehr Arbeitsstunden und höheren Lebenshaltungskosten in den Metropolen.
Was kostet die Krankenversicherung in den USA wirklich?
Arbeitgeber-Familientarife kosten über 25 000 Dollar im Jahr, wovon Beschäftigte einen wachsenden Teil plus hohe Selbstbehalte tragen. Rund 41 Prozent der Erwachsenen haben Schulden aus Behandlungskosten.
Arbeiten Amerikaner wirklich so viel mehr?
Ja, deutlich: rund 1 800 Stunden im Jahr gegenüber etwa 1 340 in Deutschland – dem niedrigsten Wert der OECD. Pro Stunde gerechnet schrumpft der Gehaltsvorsprung erheblich.
Gibt es in den USA gesetzlichen Urlaub?
Nein. Die USA sind die einzige große Industrienation ohne gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub; üblich sind zehn bis fünfzehn Tage. In Deutschland garantiert das Gesetz vier Wochen, üblich sind sechs.
Warum sind die US-Löhne trotzdem höher?
Höhere Produktivität, mehr Kapital je Arbeitsplatz, billige Energie und ein Markt von 330 Millionen Menschen, in dem Firmen schnell groß werden. Drei der vier Gründe haben mit Maßstab zu tun – nicht mit Fleiß.