Amerikaner verdienen mehr; Europäer leben rund vier Jahre länger, haben fünf Wochen Urlaub und keine Angst vor der Arztrechnung. Beide Sätze sind wahr.
Wer den Vergleich ehrlich führen will, muss beide Spalten der Bilanz lesen. Hier sind sie.
Wo Amerika vorn liegt
Beim Geld – und nicht knapp. Höhere Einkommen, niedrigere Steuern, größere Häuser, billigeres Benzin, vollere Warenkörbe. Dazu eine Wirtschaft, die Aufsteigern schnellere Wege bietet: Wer gut ist und Glück hat, kommt in Amerika weiter und schneller. Auch die Dynamik ist Lebensqualität – für die, die von ihr profitieren.
Es wäre die halbe Wahrheit europäischer Selbstberuhigung, das zu verschweigen.
Wo Europa vorn liegt
Bei fast allem, was sich nicht auf dem Konto zeigt. Die Lebenserwartung: rund 79 Jahre in den USA gegen knapp 83 in vergleichbaren Ländern – der Abstand wächst seit den Neunzigern. Die Sicherheit: eine Mordrate beim Vierfachen westeuropäischer Werte. Die Zeit: null gesetzliche Urlaubstage in den USA gegen mindestens vier Wochen überall in der EU, dazu Hunderte Arbeitsstunden weniger im Jahr. Die Absicherung: 41 Prozent der amerikanischen Erwachsenen haben Schulden aus Behandlungskosten; der Begriff „medical bankruptcy“ existiert in europäischen Sprachen nicht, weil das Phänomen nicht existiert.
Man kann es in einem Satz sagen: Amerika ist reicher, Europa ist versicherter – gegen Krankheit, Gewalt, Pech und den eigenen Arbeitgeber.
Was sich nicht messen lässt
Städte, in denen Kinder allein zur Schule gehen. Innenstädte ohne Zäune. Die Gewissheit, dass eine Diagnose keine Vermögensfrage ist. Umgekehrt: der amerikanische Optimismus, die Selbstverständlichkeit des Neuanfangs. Beides sind Kulturen, keine Kennzahlen – und beide haben ihren Preis.
Die ehrliche Pointe
Europas Lebensmodell ist kein Naturzustand, sondern ein teures Bauwerk: Es wird aus Wachstum bezahlt, und das Wachstum lahmt. Eine alternde Gesellschaft, die vier Jahre länger lebt und fünf Wochen Urlaub macht, braucht eine Wirtschaft, die das trägt. Europa hat also etwas sehr Konkretes zu verteidigen – die Frage ist, ob es dafür groß genug denkt. Ein Kontinent, der seine Ersparnisse, seine Energie und seinen Markt zusammenlegt, kann sich sein Lebensmodell weiter leisten. 27 Einzelgänger können es auf Dauer nicht.