Warum fällt Europa wirtschaftlich zurück?
Der Abstand zur amerikanischen Wirtschaft ist seit 2002 von 17 auf rund 30 Prozent gewachsen – und Deutschland, einst Zugpferd, war zuletzt Teil des Problems.
Das ist die unbequeme Kurzfassung. Die längere lohnt sich, weil in ihr steckt, was sich ändern lässt – und was an dem Vergleich in die Irre führt.
Was die Zahlen sagen
Um die Jahrtausendwende waren die Volkswirtschaften der EU und der USA fast gleich groß. Heute liegt Amerika rund 30 Prozent vorn, und die Schere öffnet sich weiter. Dahinter stehen drei harte Befunde: Die Produktivität je Arbeitsstunde liegt in Europa bei etwa 90 Prozent des US-Werts und wächst langsamer. Europäisches Wagniskapital erreicht gut ein Fünftel des amerikanischen. Und von den wertvollsten Technologieunternehmen der Welt kommt keines aus der EU.
Wo die Zahlen schmeicheln – auf beiden Seiten
Ein Teil des Abstands ist Rechenkunst. Der starke Dollar bläht US-Zahlen auf; in Kaufkraft gerechnet schrumpft die Lücke. Und Europäer tauschen bewusst Einkommen gegen Zeit: weniger Jahresarbeitsstunden, fünf Wochen Urlaub, längeres Leben. Wer nur das BIP vergleicht, übersieht, was es kaufen soll.
Aber die Gegenrechnung trägt nicht alles. Investitionen, Innovationstempo und Energiekosten sind keine Statistik-Artefakte – dort ist der Rückstand real und wächst.
Der deutsche Anteil
Unbequem für uns: Die größte Volkswirtschaft der EU war zuletzt ihr Bremsklotz. Zwei Rezessionsjahre in Folge, Energiepreise nach dem Ende des russischen Gases, eine Autoindustrie im Umbruch. Europas Wachstumsproblem ist zu einem beträchtlichen Teil ein deutsches Wachstumsproblem – für 2026 erwartet die Bundesregierung immerhin wieder rund ein Prozent Wachstum. Wer auf „die anderen“ in Brüssel zeigt, zeigt also auch auf sich selbst.
Was Europa tut – und was fehlt
Der Draghi-Bericht hat 2024 die Diagnose geliefert: rund 800 Milliarden Euro Investitionslücke pro Jahr, verursacht durch Fragmentierung von Kapital, Energie und Digitalmärkten. Seither gibt es Pakete und Strategien – umgesetzt ist erst ein Bruchteil. Deutschland behilft sich derweil national, etwa mit einem subventionierten Industriestrompreis. Das lindert, aber es beantwortet die Maßstabsfrage nicht: Amerika organisiert Kapital, Energie und Technologie für 330 Millionen Menschen auf einmal. Europa für 27 Teilmärkte.
Der gemeinsame Nenner
Fast jeder Einzelbefund – flaches Kapital, teure Energie, fehlende Tech-Riesen – läuft auf denselben Satz hinaus: Europa tritt geteilt an, wo seine Konkurrenten als Kontinent rechnen. Das ist keine ökonomische Naturkonstante, sondern eine politische Entscheidung. Sie ließe sich anders treffen.
Häufige Fragen
Wie groß ist der Abstand zwischen Europa und den USA?
Gemessen an der Wirtschaftsleistung wuchs die Lücke seit 2002 von etwa 17 auf rund 30 Prozent. Pro geleisteter Arbeitsstunde ist der Rückstand deutlich kleiner – Europäer arbeiten schlicht weniger Stunden.
Ist Deutschland Teil des Problems?
Zuletzt ja. Zwei Rezessionsjahre 2023 und 2024, teure Energie und die Autokrise haben die größte EU-Volkswirtschaft zum Bremser gemacht. Für 2026 wird wieder rund ein Prozent Wachstum erwartet.
Was sagt der Draghi-Bericht?
Er beziffert Europas jährliche Investitionslücke auf rund 800 Milliarden Euro und fordert Kapitalmarktunion, einen echten Binnenmarkt für Dienstleistungen und weniger Fragmentierung. Umgesetzt ist bislang nur ein kleiner Teil.
Täuschen die Zahlen auch?
Teilweise. Wechselkurse schmeicheln Amerika, Kaufkraft und Lebensqualität relativieren den Abstand: längeres Leben, mehr Urlaub, weniger Unsicherheit. Nur das Investitions- und Innovationsdefizit lässt sich nicht wegrechnen.
Kann Europa aufholen?
Die Zutaten sind da: Ersparnisse, Talente, Binnenmarkt-Potenzial. Es fehlt der Maßstab – Kapital, Energie und Digitales werden national organisiert, wo Amerika kontinental rechnet. Das ist eine politische, keine ökonomische Grenze.