Warum hat Europa kein Google?
Weil europäische Firmen auf einem Markt mit 27 Rechtsordnungen starten – amerikanische haben vom ersten Tag an 330 Millionen Kunden und den tiefsten Kapitalmarkt der Welt.
Am Talent liegt es nachweislich nicht. Eine erstaunliche Zahl der Technologien, die heute als amerikanisch gelten, wurde in Europa erfunden. Es lohnt sich nachzuzeichnen, wo der Weg jedes Mal bricht.
Erfunden hier, groß geworden dort
2007 baute Europa die meistverkauften Mobiltelefone der Welt – Nokia hielt rund 40 Prozent des Weltmarkts. Skype entstand in Tallinn und ging an eBay, dann an Microsoft. DeepMind, das berühmteste KI-Labor der Welt, wurde in London gegründet – und von Google gekauft. ARM, deren Chip-Designs in fast jeder Hosentasche des Planeten stecken, ging 2023 an die Börse: an die Nasdaq, nicht nach London. Spotify notiert in New York. BioNTech aus Mainz, Erfinder des Covid-Impfstoffs, ebenfalls.
Das Muster ist immer dasselbe. Europa kann erfinden. Wachsen kann es nicht – geerntet wird woanders.
Und SAP?
Europas wertvollstes Unternehmen ist tatsächlich eine deutsche Softwarefirma. Nur: SAP wurde 1972 gegründet. Dass der jüngste europäische Tech-Riese älter ist als die meisten seiner Beschäftigten, bestätigt die Diagnose eher, als dass es sie widerlegt.
Die drei Bruchstellen
Der zerteilte Markt. Ein amerikanisches Start-up verkauft seine Software vom ersten Tag an 330 Millionen Menschen – eine Sprache, ein Rechtssystem, eine Steuerbehörde. Ein europäisches expandiert Land für Land: neue Sprache, neues Recht, neue Lizenzen, neue Umsatzsteuer. Der viel beschworene Binnenmarkt funktioniert für Waren gut; für Dienstleistungen und Digitales ist er über weite Strecken ein Versprechen geblieben. Die Firma wächst genau in den Jahren zu langsam, in denen sich entscheidet, wer die Branche beherrscht.
Das flache Kapital. Amerikanische Wagniskapitalfonds investieren jährlich ein Mehrfaches der europäischen; europäisches Risikokapital erreicht gut ein Fünftel des US-Volumens. Amerikanische Pensionsfonds pumpen Ersparnisse in Aktien und Start-ups, europäische Ersparnisse liegen auf Sparkonten. Wer als europäische Firma Milliarden braucht, findet sie zu Hause nicht – und geht an die Nasdaq. Der Draghi-Bericht beziffert Europas Investitionslücke auf rund 800 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Strafe fürs Scheitern. In Kalifornien ist ein gescheiterter Gründer ein erfahrener Gründer. In weiten Teilen Europas ist er ein Schuldner mit Eintrag. Wo der Sturz teurer ist, wird weniger gesprungen.
Ja, europäische Regulierung kann schwerfällig sein, und ihre Kosten treffen kleine Firmen zuerst. Aber „Brüssel reguliert zu viel“ erklärt die Geschichte nicht allein – Amerika reguliert auch. Der entscheidende Unterschied ist die Startbahn: ein Markt, ein Kapital, ein Maßstab.
Was das mit der Einheit des Kontinents zu tun hat
Alle drei Bruchstellen haben dieselbe Form. Es sind keine Geschichten über müde Ingenieure – es sind Geschichten über einen Kontinent, der sich entschieden hat, in 27 kleinen Spielfeldern anzutreten, und sich wundert, dass die Weltmeister woanders aufwachsen.
Ein Binnenmarkt ist kein Naturzustand, sondern ein politisches Bauwerk – und es ist halb fertig. Ein echter Markt für Dienstleistungen, eine Kapitalmarktunion, Börsen, die Milliardenemissionen tragen: Nichts davon scheitert an der Technik. Es scheitert bislang an der Frage, ob dieser Kontinent als Ganzes handeln will.
Häufige Fragen
War Europa in der Technik jemals vorn?
Mehrfach. Nokia beherrschte den Handymarkt, Skype erfand das Internettelefonieren, DeepMind prägte die moderne KI, ARM entwirft die Chips fast aller Smartphones. Der Bruch kommt beim Wachsen, nicht beim Erfinden.
Ist SAP nicht der Beweis, dass es geht?
SAP ist zeitweise das wertvollste Unternehmen Europas – gegründet 1972. Genau das ist der Punkt: Der letzte europäische Tech-Riese entstand vor über fünfzig Jahren. Eine Ausnahme ist kein Ökosystem.
Warum gehen europäische Firmen an die Nasdaq?
Wegen des Kapitals. Amerikanische Fonds investieren ein Vielfaches der europäischen, und die US-Börsen tragen Milliardenemissionen, die europäische Märkte überfordern. BioNTech, Spotify und ARM notieren deshalb in New York.
Liegt es an der EU-Regulierung?
Teilweise – Bürokratie trifft kleine Firmen härter als Konzerne, und das gehört ehrlich benannt. Aber Amerika reguliert auch. Der entscheidende Unterschied ist die Größe des Spielfelds: ein Markt statt 27.
Was müsste sich ändern?
Ein echter Binnenmarkt für Dienstleistungen und Daten, eine Kapitalmarktunion mit tiefen Börsen und zweite Chancen nach dem Scheitern. Nichts davon ist ein technisches Problem – alles eine Frage politischer Einigung.