Nein – und zwar auf absehbare Zeit. Der Bundeswehr fehlen Personal, Munition und der Nuklearschirm; selbst das reichste Land Europas ist allein zu klein.
Das ist keine Schande, sondern Geometrie und Geschichte. Aber der Reihe nach – was Deutschland kann, was die Zeitenwende gebracht hat und warum „allein“ ohnehin die falsche Frage ist.
Was die Bundeswehr heute ist
Anfang 2026 dienen rund 186.000 Soldatinnen und Soldaten – der höchste Stand seit zwölf Jahren, nach Jahren des Schrumpfens. Der Etat erreicht mit etwa 108 Milliarden Euro einen historischen Rekord, die Brigade in Litauen wächst auf, moderne Systeme von der F-35 bis zur Fregatte sind bestellt.
Und trotzdem gilt, was jeder Inspekteur offen sagt: Für einen langen, großen Krieg reichen weder Munitionsbestände noch Ersatzteile noch Personal. Die Bundeswehr ist auf dem Weg von einer Einsatzarmee für Auslandsmissionen zurück zu einer Armee der Landesverteidigung – und dieser Weg ist erst zur Hälfte gegangen.
Was die Zeitenwende gebracht hat – und was nicht
Gebracht hat sie vor allem Geld und Tempo: Aus dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro fließen 2026 25,5 Milliarden und 2027 noch einmal 29,9 Milliarden, und die Verfassungsänderung von 2025 hat Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausgenommen. Beschaffungen, die früher Jahrzehnte brauchten, laufen in Jahren.
Nicht gelöst hat sie den Engpass Mensch. Deshalb gilt seit dem 1. Januar 2026 der Neue Wehrdienst: Rund 700.000 Fragebögen gehen an den Jahrgang 2008, ab dem 1. Juli 2027 wird die Musterung für alle Männer Pflicht, der Dienst selbst bleibt freiwillig und beginnt bei etwa 2.600 Euro Sold. Ob das reicht, um von 186.000 auf die benötigten Größenordnungen zu wachsen, ist die ehrlicherweise offene Frage der deutschen Verteidigungspolitik.
Die nukleare Lücke
Ein Loch kann kein nationales Programm stopfen: Deutschland hat keine Atomwaffen und will keine. Es beteiligt sich über die nukleare Teilhabe an amerikanischen Bomben – ein Arrangement, das so verlässlich ist wie die amerikanische Zusage dahinter. Genau deshalb hat Bundeskanzler Merz im Februar 2026 auf der Münchner Sicherheitskonferenz erste Gespräche mit Präsident Macron über eine europäische nukleare Abschreckung begonnen. Dass diese Debatte überhaupt geführt wird, sagt viel: Die letzte Sicherheitsgarantie sucht Deutschland nicht bei sich selbst – dort ist sie nicht zu finden –, sondern in Europa.
Warum „allein“ die falsche Frage ist
Geografisch ist Deutschland heute ausschließlich von Verbündeten und Neutralen umgeben; seine Verteidigung beginnt planerisch an der Ostflanke, nicht an der Oder. Und selbst 84 Millionen Einwohner und die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt sind zu klein für das, was moderne Verteidigung verlangt: eigene Satellitenkonstellationen, eigene Abschreckung, Rüstungsproduktion in kontinentalem Maßstab.
Dabei kennt gerade Deutschland das Lösungsmodell aus dem eigenen Grundgesetz. Die Bundesrepublik ist selbst ein Bundesstaat: Bayern und Hamburg geben ab, was nur gemeinsam geht – Verteidigung, Währung, Außenvertretung – und bleiben trotzdem unverwechselbar Bayern und Hamburg. Dieselbe Logik, eine Ebene höher gedacht, ist keine Utopie. Sie ist das Prinzip, mit dem dieses Land seit 1949 gut gefahren ist.