Wer erfand die Vereinigten Staaten von Europa?
Den Begriff prägte Victor Hugo 1849. Die Idee ist älter – ein böhmischer König entwarf 1464 den ersten Plan, und ein Königsberger Philosoph lieferte die Theorie.
Die Geschichte dieser Idee liest sich wie ein Staffellauf über fünf Jahrhunderte. Kein Läufer kam ans Ziel. Aber jeder trug den Stab ein Stück weiter – und auffallend viele Etappen führten durch den deutschen Sprachraum.
1464: Der König, der zu früh kam
Der erste ausgearbeitete Plan stammt nicht aus Brüssel, sondern aus Prag. Georg von Podiebrad, König von Böhmen, ließ 1462–1464 einen Vertrag entwerfen, der heute verblüffend modern wirkt: ein Bund europäischer Herrscher mit ständiger Versammlung, Mehrheitsentscheidungen statt Einstimmigkeit, einem gemeinsamen Gericht und gemeinsamer Verteidigung. Der Papst bekämpfte das Projekt, Frankreichs König winkte ab. Der Plan verschwand im Archiv – die Idee nicht.
1795: Königsberg liefert die Theorie
Drei Jahrhunderte später schrieb Immanuel Kant in Königsberg die Schrift „Zum ewigen Frieden“. Sein Argument: Friede ist kein Naturzustand, er muss gestiftet werden – durch einen wachsenden „Föderalism“ freier Republiken, die ihre Streitigkeiten dem Recht statt dem Krieg unterwerfen. Was Podiebrad praktisch entwarf, begründete Kant philosophisch. Bis heute steht jede Rede über regelbasierte Ordnung auf diesem Fundament.
1849: Hugo gibt der Idee ihren Namen
Auf dem Pariser Friedenskongress prophezeite Victor Hugo den Tag, an dem Frankreich, Russland, Italien, England und Deutschland „sich zu einer höheren Einheit verschmelzen“ würden – den Vereinigten Staaten von Europa. Das Parlament lachte. Es folgten 1870, 1914 und 1939.
1923–1946: Bewegung, Katastrophe, Neuanfang
Richard Coudenhove-Kalergi machte aus der Idee 1923 mit „Pan-Europa“ die erste Massenbewegung; ein junger Kölner Oberbürgermeister namens Konrad Adenauer gehörte zu den frühen Unterstützern. Die Nationalsozialisten verboten die Bewegung – und führten vor, wie die gewaltsame Alternative aussieht. Ein Jahr nach dem Krieg forderte Churchill in Zürich dann „eine Art Vereinigte Staaten von Europa“, gebaut auf der Partnerschaft von Frankreich und Deutschland.
1950 bis heute: vom Plan zur Baustelle
Robert Schuman machte 1950 den ersten realen Schritt – Kohle und Stahl, ausdrücklich als „erste Etappe der europäischen Föderation“. Walter Hallstein, der erste Kommissionspräsident, nannte das Ergebnis später ehrlich beim Namen: einen „unvollendeten Bundesstaat“.
Da steht die Staffel heute. Der Stab liegt nicht im Museum; er liegt auf dem Tisch – und wer ihn als Nächster trägt, wird gerade neu verhandelt.
Häufige Fragen
Wer hat den Begriff „Vereinigte Staaten von Europa“ geprägt?
Victor Hugo, am 21. August 1849 auf dem Pariser Friedenskongress. Er prophezeite den Tag, an dem sich alle europäischen Nationen „zu einer höheren Einheit verschmelzen“ – und erntete Spott.
Was schlug der böhmische König 1464 vor?
Georg von Podiebrad entwarf einen Vertrag für einen Bund europäischer Staaten: gemeinsame Versammlung, Mehrheitsentscheidungen, Schiedsgericht und gemeinsame Verteidigung – fünf Jahrhunderte vor der EU.
Was hat Kant damit zu tun?
Immanuel Kant lieferte 1795 in Königsberg die Theorie: „Zum ewigen Frieden“ begründet, warum dauerhafter Friede einen Föderalismus freier Staaten braucht – das philosophische Fundament der europäischen Einigung.
Welche Deutschen prägten die Idee mit?
Neben Kant vor allem Konrad Adenauer, der Paneuropa früh unterstützte und später die Westbindung baute, und Walter Hallstein, erster Kommissionspräsident und Vordenker des „unvollendeten Bundesstaats“.
Ist die Idee heute wieder aktuell?
Ja – seit Russlands Krieg und den Zweifeln an Amerika wird über europäische Souveränität und Vertragsreform so ernsthaft gestritten wie seit Jahrzehnten nicht. Die Reihe der Vordenker bekommt gerade ein neues Kapitel.