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Warum ist Europa kein einziger Staat?

Weil jeder Versuch, Europa mit Gewalt zu einen, scheiterte – und der friedliche Weg erst seit 75 Jahren läuft. Geografie, Reformation und Nationalismus taten das Übrige.

Die Frage klingt naiv, ist aber die vielleicht beste Einstiegsfrage in die europäische Geschichte. China ist seit über zweitausend Jahren meist ein Reich. Europa, kleiner und dichter besiedelt, war es nie länger als ein paar Jahrzehnte. Warum eigentlich?

Die Geografie wollte es nicht

Europa ist ein zerklüfteter Kontinent: Alpen, Pyrenäen, Karpaten, dazwischen Halbinseln und Inseln. Wo Flüsse und Gebirge natürliche Grenzen ziehen, entstehen viele kleine Machtzentren statt eines großen. Rom überwand das ein einziges Mal – und schon Rom endete am Rhein. Nördlich davon lag, aus römischer Sicht, unregierbares Land.

Als das Reich fiel, zerfiel Europa in genau die Vielfalt, die seine Landschaft nahelegt. Und die nächste große Klammer war keine politische, sondern eine religiöse: die Kirche.

Deutschland kennt die Geschichte am besten

Kein Land hat die europäische Nicht-Einigung so verinnerlicht wie Deutschland. Das Heilige Römische Reich – fast 850 Jahre, von Otto bis Napoleon – war ein Dach über Hunderten von Fürstentümern, freien Städten und Bistümern: kein Staat, sondern ein Verbund mit Kaiser, Reichstag und ewigen Kompromissen. Man könnte sagen: Die Deutschen haben jahrhundertelang in einer Vorform dessen gelebt, was die EU heute ist.

Dann kam 1517. Luthers Reformation zerbrach die gemeinsame Kirche, und aus dem religiösen Riss wurde ein politischer: Der Dreißigjährige Krieg verwüstete den Kontinent, und der Westfälische Frieden von 1648 machte die Souveränität der Einzelstaaten zum Bauprinzip Europas. Von da an galt: Jeder Staat ist sich selbst der Nächste.

Nationalismus: die stärkste Droge des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert erfand die Nation als Gefühl – Sprache, Volk, Fahne. Es einte Deutschland und Italien nach innen, aber es machte die Einigung Europas nach außen undenkbarer denn je. Victor Hugo forderte 1849 „Vereinigte Staaten von Europa“ und wurde ausgelacht. Stattdessen rüsteten die Nationen – bis der Nationalismus in zwei Weltkriegen zeigte, was er im Endstadium anrichtet.

Die Versuche, Europa stattdessen mit Gewalt zu einen – Karl V., Napoleon, zuletzt und am verbrecherischsten das nationalsozialistische Deutschland –, hielten nie. Erzwungene Einheit zerfällt, sobald der Druck nachlässt.

Der Umweg, der funktioniert

Erst 1950 begann der Weg, der bis heute trägt: nicht Eroberung, sondern Vertrag. Kohle und Stahl unter gemeinsame Aufsicht, damit Frankreich und Deutschland nie wieder gegeneinander rüsten können. Daraus wuchsen Markt, Recht, Währung, offene Grenzen – ein halber Staat, wenn man so will.

Und da steht Europa heute: zu verflochten, um nur ein Staatenbund zu sein, zu uneins, um ein Staat zu sein. Ob es beim Halben bleibt, ist keine historische Frage mehr, sondern eine politische – und sie ist offener, als sie seit Jahrzehnten war.

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Häufige Fragen

War Europa jemals vereint?

Nur einmal, unter Rom – und das umfasste kaum die Hälfte des Kontinents. Danach hielt keine Einigung: Das Heilige Römische Reich blieb ein loser Verbund, Napoleon und Hitler scheiterten in Jahren.

Warum hat die Reformation Europa geteilt?

Luthers Thesen von 1517 zerbrachen die letzte gemeinsame Klammer: die eine Kirche. Aus einem Christentum wurden Konfessionen, aus Konfessionen Kriegsparteien – der Dreißigjährige Krieg zementierte die Teilung in souveräne Staaten.

Was ist der Unterschied zwischen der EU und einem Staat?

Ein Staat hat eine Regierung, eine Armee und erhebt Steuern. Die EU hat gemeinsames Recht, Markt und für zwanzig Länder eine Währung – aber Verteidigung, Steuern und Außenpolitik bleiben national.

Wollten die Gründer der EU einen europäischen Staat?

Viele ja. Schuman sprach 1950 ausdrücklich von einer „europäischen Föderation“ als Fernziel. Gebaut wurde der Weg dorthin schrittweise – und auf halber Strecke stockt er bis heute.

Könnte Europa noch ein Staat werden?

Rechtlich ja, mit Zustimmung aller Mitglieder. Realistisch wäre kein Zentralstaat, sondern eine Föderation nach vertrautem Muster: gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik, der Rest bleibt national – Bayern bleibt schließlich auch Bayern.

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