Weder noch. Das Bundesverfassungsgericht nennt die EU einen „Staatenverbund“: föderal bei Recht, Markt und Währung – ein Club der Regierungen bei Verteidigung und Steuern.
Kaum ein Land ist besser gerüstet, diese Frage zu verstehen, als Deutschland. Wer weiß, was der Bund darf und was Bayern, hat das Denkwerkzeug für Europa schon im Kopf.
Der deutsche Vergleich – wo er trägt
Deutschland ist ein Bundesstaat: Die Länder haben eigene Verfassungen, Parlamente und Polizei, entscheiden über Schulen und Kultur – aber Außenpolitik, Armee und Währung liegen beim Bund, und Bundesrecht bricht Landesrecht. Die Länder wirken über den Bundesrat an der Bundespolitik mit.
Nun legen Sie die Schablone auf die EU. Ein gemeinsames Recht mit Vorrang: gibt es, seit dem EuGH-Urteil Costa/ENEL von 1964. Eine zweite Kammer, in der die Gliedstaaten mitregieren: gibt es – der Rat der EU funktioniert erstaunlich ähnlich wie der Bundesrat, nur dass dort Minister aus 27 Hauptstädten sitzen. Ein gemeinsamer Markt, eine Währung für die meisten, offene Grenzen: alles da.
Bis hierhin sieht die EU einem Bundesstaat verblüffend ähnlich.
Wo der Vergleich bricht
Drei Dinge fehlen, und es sind die schweren. Die EU hat keine eigene Armee und keine echte Außenpolitik – bei beidem gilt Einstimmigkeit, jeder der 27 kann blockieren. Sie darf keine eigenen Steuern erheben; ihr Haushalt ist kleiner als der österreichische Staatshaushalt. Und vor allem: Die Mitgliedstaaten bleiben, in den Worten des Bundesverfassungsgerichts, „Herren der Verträge“. Bayern kann nicht aus Deutschland austreten – jeder EU-Staat kann gehen, Artikel 50 macht es möglich, Großbritannien hat es vorgemacht.
Deshalb erfand Karlsruhe im Lissabon-Urteil das Wort „Staatenverbund“: mehr als ein Bündnis, weniger als ein Staat. Juristisch präzise – und zugleich die Beschreibung einer Baustelle.
Ein halbes Haus hat Zugluft
Walter Hallstein, der erste Kommissionspräsident, nannte die EU schon 1969 den „unvollendeten Bundesstaat“. Die Unvollendetheit ist kein Schönheitsfehler, sie erklärt die bekanntesten Schwächen: Krisengipfel statt Regierung, Vetos statt Entscheidungen, Erklärungen statt Außenpolitik. Föderal genug, um gemeinsam betroffen zu sein – zwischenstaatlich genug, um gemeinsam blockiert zu sein.
Ob man das Haus fertig baut, zurückbaut oder so lässt, ist die eigentliche europäische Frage der nächsten Jahre. Nur eines geht schlecht: so tun, als wäre es fertig.